Bitte lächeln: Ihre Mimik kann den Erfolg einer Therapie beeinflussen

Mimik kann den Erfolg einer Therapie beeinflussen

Achtung! Sie stehen unter ständiger Beobachtung. Ihr Gesichtsausdruck kann möglicherweise die Wirksamkeit von Medikamenten beeinflussen. Eine aktuelle Studie belegt diesen Placeboeffekt.

Placebos wirken – dies ist unbestritten. Wie eine aktuelle Studie aus den USA zeigt, kann aber auch die innere Überzeugung von Mensch zu Mensch übertragen werden und einen messbaren Placeboeffekt auslösen.1 Das in der Fachzeitschrift „Nature Human Behaviour“ veröffentlichte Experiment beruhte auf einem Rollenspiel von Laien, in dem die Probanden die Rolle als „Arzt“ oder „Patient“ einnahmen.2 Die Forscher konnten zeigen, dass sich die Mimik des „Arztes“ minimal änderte, wenn dieser von der Wirksamkeit der von ihm angewendeten Medikamente überzeugt war.1, 2 Die „Patienten“ nahmen diese feinen Unterschiede offensichtlich sehr sensibel wahr und reagierten ihrerseits mit einem geringeren Schmerzempfinden.1

Ein Rollenspiel als experimentelles Setting

In dem Experiment mit 194 Freiwilligen untersuchten die Forscher den Einfluss der inneren Überzeugung auf die Wirksamkeit von zwei vermeintlichen Schmerzcremes – beides waren Placebos.2 Der Ablauf war folgender:2

  1. Die Freiwilligen wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Der einen Gruppe wurde die Rolle des „Arztes“ zugewiesen, der anderen die Rolle des „Patienten“.
  2. Die „Ärzte“ wurden von der Wirksamkeit einer der beiden Cremes („Thermedol“) überzeugt (siehe unten).
  3. Über angeschlossene Elektroden wurde bei den „Patienten“ ein Schmerzreiz ausgelöst. Die beiden Cremes wurden von den „Ärzten“ aufgetragen und die „Patienten“ sollten beurteilen, welche besser gegen die Schmerzen wirkt.
  4. Die „Patienten“ trugen während des gesamten Experiments Kopfkameras, die der späteren Auswertung der Mimik und der Körpersprache der „Ärzte“ dienten.

Um die „Ärzte“ von der Thermedol-Wirksamkeit zu überzeugen, erhielten sie im Vorfeld über eine angeschlossene Elektrode ebenfalls einen Schmerzreiz am Unterarm. Dafür wurde die Elektrode auf 47 °C erhitzt.2 Beim Auftragen von Thermedol wurde – unbemerkt von den „Ärzten“ – die Temperatur der Elektrode herabgesetzt und somit eine Wirksamkeit von Thermedol suggeriert. Bei der anderen Creme wurde den Ärzten kein schmerzlindernder Effekt vorgetäuscht.2

Die Mimik des Arztes wirkt auf das Schmerzempfinden

Die Studie war so aufgebaut, dass der einzige Unterschied bei der angeblichen Schmerzbehandlung in der inneren Haltung der “Ärzte” lag.1, 2 Bei gleichem Schmerzreiz empfanden die Patienten nach dem Auftragen von Thermedol weniger Schmerzen als bei der Anwendung der anderen Placebocreme. Dies spiegelte sich auch in den beobachteten Hautreaktionen wider.2 Zudem bewerteten die „Patienten“ die „Ärzte“ als einfühlsamer, wenn diese Thermedol auftrugen. Bei der Auswertung der Patientenkameras erkannten die Forscher feinste Unterschiede in der Mimik der „Ärzte“. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die „Patienten“ diese Abweichungen in der Mimik ebenfalls wahrnahmen und deshalb unbewusst unterschiedlich auf die angebotenen Schmerzcremes – bei gleichem Schmerzreiz – reagierten.2

Übertragbarkeit auf Praxisalltag?

Es handelt sich bei der obigen Studie um ein experimentelles Setting, welches in dieser Form im normalen Arztalltag nicht vorkommt. Auch wurden keine „echten“ Ärzte und Patienten beobachtet. Trotzdem ist der gezeigte Placeboeffekt von Bedeutung und bietet Erkenntnisse über die nonverbale Arzt-Patienten-Kommunikation. Diese hat augenscheinlich einen nicht unbedeutenden Einfluss auf die Genesung Ihrer Patienten.

Quellen:

  1. Chen PA, Cheong JH, Jolly E et al. Socially transmitted placebo effects. Nat Hum Behav 2019; 3: 1295-1305. Abstract online verfügbar unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31636406 (abgerufen am 31.01.2020).
  2. Weniger Schmerzen – Das Gesicht des Arztes entscheidet über den Therapieerfolg. Ärztezeitung (Oktober 2019). Online verfügbar unter: https://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/special-arzt-patient/article/999074/weniger-schmerzen-gesicht-des-arztes-entscheidet-therapieerfolg.html?sh=39&h=1433471213 (abgerufen am 31.01.2020).

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