Lärm – Risikofaktor für Vorhofflimmern?

Lärm – Risikofaktor für Vorhofflimmern?

Nicht nur Bluthochdruck, hohes Alter oder Diabetes begünstigen das Auftreten von Herzrhythmusstörung – auch Lärm gehört zu den Risikofaktoren. Daten der Universitätsmedizin Mainz untermauern den Zusammenhang zwischen der Rhythmusstörung und Lärm.

Menschen, die einer subjektiven Lärmbelastung ausgesetzt sind, erkranken häufiger an Vorhofflimmern (VHF).1 Dies legen Querschnittsdaten von rund 15.000 Teilnehmern der Gutenberg-Gesundheitsstudie (GHS) der Universitätsklinik Mainz nahe, die die Beziehung zwischen der Diagnose VHF und verschiedenen Lärmquellen untersuchte.1

Querschnittsstudie mit etwa 15.000 Teilnehmern

Die GHS ist eine interdisziplinäre, prospektive Kohortenstudie, die den Gesundheitszustand der Bevölkerung in der Rhein-Main-Region untersuchte und zwischen 2007 und 2012 insgesamt 15.010 Männer und Frauen im Alter zwischen 35 und 74 Jahren einschloss.1

14.639 Studienteilnehmer bewerteten ihre subjektiv empfundene Lärmbelästigung durch Straßenverkehr, Bahnen und Flugzeuge sowie Industrie- und Nachbarschaftslärm am Tag und in der Nacht. Dies erfolgte anhand standardisierter Fragebögen auf einer 5-Punkte-Skala von „keine“ bis „extreme“ Lärmbelästigung. Das VHF wurde anamnestisch dokumentiert und/oder durch ein Studien-EKG diagnostiziert.1

Lärmbelästigung signifikant mit VHF assoziiert

Die Studienergebnisse zeigten eindeutig einen Zusammenhang zwischen subjektiver Lärmbelästigung durch verschiedene Quellen und der Häufigkeit von VHF (Abbildung 1).1

Die VHF-Prävalenz lag bei Personen1

  • mit extremer Lärmbelästigung bei 23,4 %,
  • ohne Lärmbelästigung dagegen nur bei 14,6 %.

Abbildung 1: Steigende Prävalenz von VHF bei zunehmender Lärmbelästigung (modifiziert nach Hahad et al. Int J Cardiol 2018)1

Die insgesamt vergleichsweise hohe Prävalenz von VHF führen die Autoren auf die Tatsache zurück, dass das VHF nicht nur erfragt, sondern durch die EKG-Untersuchung in vielen Fällen neu diagnostiziert wurde.1

Extreme Belastung durch Fluglärm

Insgesamt fühlten sich knapp 80 % der Studienteilnehmer durch Lärm belästigt. 10,5 % bewerteten die Belästigung als „extrem“.Den größten Anteil an extremer Lärmbelästigung hatte der durch den Flughafen Frankfurt am Main verursachte Fluglärm: 83,9 % gaben an, sich tagsüber durch Fluglärm extrem gestört zu fühlen, während des Schlafens waren es 68,7 %. Neben Fluglärm zählten Verkehrs- und Nachbarschaftslärm zu den dominierenden Lärmquellen (extreme Belästigung tagsüber: Verkehr 59,9 %, Nachbarschaft 48,2 %; nachts: Verkehr 31,7 %, Nachbarschaft 31,1 %).1

Verkehrs- und Nachbarschaftslärm mit stärkster Assoziation

Verkehrs- und Nachbarschaftslärm waren insbesondere während des Schlafes am stärksten mit VHF assoziiert:1

  • Verkehrslärm: Odds Ratio [OR] = 1,15; 95-%-Konfidenzintervall [KI]: 1,08–1,22; p < 0,0001
  • Nachbarschaftslärm: OR = 1,14; 95-%-KI: 1,07–1,21; p < 0,0001
  • Fluglärm: OR = 1,09; 95-%-KI: 1,05–1,13; p < 0,0001

Blutdruck, Herzfrequenz und kardiovaskuläre Risikofaktoren blieben durch die Lärmbelästigung unbeeinflusst.1

Lärm – Stress – Vorhofflimmern

Über welchen Mechanismus beeinträchtig Lärm die Herzgesundheit? Die Studie wird den Autoren zufolge dadurch limitiert, dass die subjektive Lärmbelästigung gemessen wurde und nicht der physikalische Lärm. Dennoch verdeutlichen die Befunde, dass Lärm ein ernstzunehmendes und gesundheitliches Problem für die Bevölkerung darstellt.2 In aktuellen Publikationen wird der mögliche mechanistische Zusammenhang zwischen Lärm und kardiovaskulären Erkrankungen diskutiert:3, 4 Ständiger Lärm löst eine Stressreaktion des Körpers aus – entweder direkt durch die Verschlechterung der Schlafqualität oder indirekt über kognitive und emotionale Reaktionen.3, 4 Der lärminduzierte psychische Stress kann zu einer Erhöhung der Stresshormonspiegel führen und den Blutdruck und die Herzfrequenz beeinflussen. Dies kann wiederum die Entwicklung von zerebro- und kardiovaskulären Erkrankungen wie Schlaganfall, arterieller Hypertonie, ischämischer Herzkrankheit und Herzinfarkt begünstigen.3, 4

Quellen:

  1. Hahad O, Beutel M, Gori T et al. Annoyance to different noise sources is associated with atrial fibrillation in the Gutenberg Health Study. Int J Cardiol 2018; 264: 79-84. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29695315
  2. Lärm bringt das Herz aus dem Rhythmus. Pressemitteilung der Universitätsmedizin Mainz (Mai 2018). Online verfügbar unter: http://www.unimedizin-mainz.de/presse/pressemitteilungen/aktuellemitteilungen/newsdetail/article/laerm-bringt-das-herz-aus-dem-rhythmus.html.
  3. Munzel T, Kroller-Schon S, Oelze M et al. Adverse Cardiovascular Effects of Traffic Noise with a Focus on Nighttime Noise and the New WHO Noise Guidelines. Annu Rev Public Health 2020:
  4. Hahad O, Prochaska JH, Daiber A et al. Environmental Noise-Induced Effects on Stress Hormones, Oxidative Stress, and Vascular Dysfunction: Key Factors in the Relationship between Cerebrocardiovascular and Psychological Disorders. Oxid Med Cell Longev 2019; 2019: 4623109.

Bildquelle: AdobeStock/Leonid