Medizin an der Schnittstelle von Kardiologie und Psychosomatik

Herzgesundheit und Psyche gehen Hand in Hand. Deshalb sollte eine ganzheitliche kardiologische Medizin auch die psychosoziale Verfassung des Patienten berücksichtigen.

Ein einschneidendes Erlebnis wie ein überlebter Herzinfarkt geht nicht spurlos am Betroffenen vorbei. Schwer herzkranke Menschen sehen sich mit Gedanken um den Tod1 und meist auch mit einer spürbaren Einbuße an Lebensqualität konfrontiert.2 Darüber hinaus erfordert die kardiovaskuläre Sekundärprävention eine lebenslange Therapie, die den Patienten ihre Erkrankung immer wieder ins Gedächtnis ruft. Dadurch kann es schwerfallen, sie emotional zu verarbeiten – ein Teufelskreis entsteht.

Das Zusammenspiel von Herzerkrankungen und Psyche lässt sich aus 2 klinisch relevanten Blickwinkeln betrachten: Einerseits können chronischer Stress oder psychisch belastende Erfahrungen unmittelbar der Herzgesundheit schaden, andererseits kann eine Herzerkrankung selbst zu Depressionen, Angstzuständen oder anderen psychischen Komorbiditäten führen.1 Unter diesen Gesichtspunkten kommt dem noch jungen Fachgebiet der Psychokardiologie eine große Bedeutung zu.

DGK befürwortet psychosoziale Evaluation

Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) bezieht in einem Positionspapier Stellung zur „Bedeutung von psychosozialen Faktoren in der Kardiologie“.2 Die Autoren weisen darauf hin, dass ein „niedriger sozialer Status, akuter oder chronischer Stress, Depression oder Angst […] mit einem erhöhten kardiovaskulären Erkrankungsrisiko und einem ungünstigeren Verlauf nach Krankheitseintritt verbunden“ sind. Dieser Zusammenhang besteht unter anderem bei folgenden Erkrankungen, welchen Kardiologen in der täglichen Praxis begegnen:2

  • koronare Herzkrankheit (KHK)
  • Herzinsuffizienz
  • arterielle Hypertonie
  • Herzrhythmusstörungen

Ein routinemäßiges psychosoziales Assessment sei daher in der Kardiologie unabdingbar (und beispielsweise in der Nationalen Versorgungsleitlinie chronische KHK3 bereits verankert), so die Autoren weiter. Bei Herz-Kreislauf-Patienten mit einer psychischen Komorbidität sollte eine psychosomatische Grundversorgung gewährleistet werden und gezielte psychotherapeutische Interventionen sollten in Betracht gezogen werden.2

Was macht eine gute psychosoziale Betreuung von Herzpatienten aus?

Das erwähnte Positionspapier enthält sowohl allgemeine als auch krankheitsspezifische und auf den jeweiligen Versorgungssektor (Hausarzt, ambulante oder stationäre Kardiologie) zugeschnittene Ansatzpunkte im Bereich der psychokardiologischen Diagnostik und Therapie. Die Basis dafür ist eine patientenzentrierte Kommunikation, die die Patienten in die Lage versetzt, aktiv an der Entscheidungsfindung teilzuhaben (Shared Decision-Making). Sie trägt auch dazu bei, dass der Patient ein Vertrauensverhältnis zum Behandler aufbauen kann.2 Darüber hinaus sollte das routinemäßige psychosoziale Assessment die folgenden Bausteine umfassen:2

  • Einbeziehung anderer Gesundheitsberufe bei der Umsetzung von Verhaltensänderungen (z. B. Psychotherapeuten)
  • regelmäßige Überprüfung der Adhärenz und Lebensqualität
  • orientierende Erfassung psychosozialer Belastungen und psychischer Komorbiditäten (z. B. einer Depression oder Angststörung) mit gezielten Anamnesefragen oder standardisierten Fragebogen
  • falls psychosoziale Belastungsfaktoren vorliegen: aktives Anbieten von multimodalen Verhaltensinterventionen, damit der Patient die Erkrankung besser verarbeiten kann
  • bei psychischer Komorbidität: Einleitung psychotherapeutischer Maßnahmen und/oder medikamentöser Therapien in Kooperation mit entsprechenden Spezialisten

Psychische Belastung im Kontext von Arrhythmien

Ein Unterkapitel des Positionspapiers beleuchtet die Bedeutung von psychosozialen Faktoren im Kontext von Herzrhythmusstörungen. Fest steht, dass intensive negative (aber auch positive) Emotionen Arrhythmien begünstigen.4 Umgekehrt lösen paroxysmale supraventrikuläre Tachykardien oder aufgrund einer Arrhythmie erforderliche operative Interventionen5 mitunter erhebliche Angstzustände aus, die eine psychotherapeutische Aufarbeitung erfordern.2

Laut den Autoren ist es insbesondere bei Menschen mit paroxysmalem Vorhofflimmern (VHF) wichtig, die psychosoziale Belastung zu evaluieren.2 Die Rationale dafür ist, dass VHF-Patienten, die einer hohen psychischen Belastung ausgesetzt sind, nachweislich von Entspannungstechniken profitieren und dadurch an Lebensqualität gewinnen können.6

Fortbildungsmaterial: chronische KHK aus psychokardiologischer Sicht

Finden Sie hier den Artikel „Leitliniengerechte Behandlung von Patient*innen mit chronischer koronarer Herzkrankheit “ zum Download.

Corona und der Ukraine-Krieg – eine Gefahr für unsere Herzgesundheit?

Erst die Coronapandemie, jetzt der Krieg in der Ukraine – wir leben in Zeiten, die die Psyche schwer belasten und Stressreaktionen auslösen können. Dauerstress ist ein bedeutsamer Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall.7

Unter Dauerstress

  • ist der Blutdruck dauerhaft zu hoch,
  • ist die Blutgerinnung so verändert, dass Thromben leichter entstehen,
  • ist das Risiko für die Entstehung von Diabetes mellitus erhöht und es
  • werden häufig gesundheitsschädliche Verhaltensweisen angenommen (z. B. Rauchen, Frustessen oder zu viel Alkohol).7

Sicher haben Sie auch Patientinnen oder Patienten in Behandlung, die unter der Coronapandemie gelitten haben. Oder behandeln Sie vielleicht ukrainische Geflüchtete? Auf der Website der World Health Organization (WHO) finden Sie mehrsprachiges Material zur Stressbewältigung zum Download.

Quellen:

  1. Deutsche Herzstiftung. Psychokardiologie: Therapie für Herz und Psyche; unter https://www.herzstiftung.de/ihre-herzgesundheit/leben-mit-der-krankheit/psychokardiologie (abgerufen am 23.03.2022).
  2. Albus C et al. Bedeutung von psychosozialen Faktoren in der Kardiologie – Update 2018. Der Kardiologe 2018;12:312–331; unter: https://doi.org/10.1007/s12181-018-0271-4 (abgerufen am 23.03.2022).
  3. Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Nationale Versorgungsleitlinie Chronische KHK, 5. Auflage (2019); unter https://www.leitlinien.de/themen/khk (abgerufen am 23.03.2022).
  4. Lampert R. Behavioral influences on cardiac arrhythmias. Trends Cardiovasc Med 2016;26:68–77; unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25983071/ (abgerufen am 23.03.2022).
  5. Magyar-Russell G et al. The prevalence of anxiety and depression in adults with implantable cardioverter defibrillators: a systematic review. J Psychosom Res 2011;71:223–231; unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21911099/ (abgerufen am 23.03.2022).
  6. Lakkireddy D et al. Effect of yoga on arrhythmia burden, anxiety, depression, and quality of life in paroxysmal atrial fibrillation: the YOGA My Heart Study. J Am Coll Cardiol 2013;61:1177–1182; unter https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23375926/ (abgerufen am 23.03.2022).
  7. Deutsche Herzstiftung. Psyche und Stress: So schützen Sie Ihr Herz! (2022); unter: https://www.herzstiftung.de/ihre-herzgesundheit/gesund-bleiben/psyche-und-stress (abgerufen am 19.05.2022).

Bildquelle: Adobe Stock / paul_craft