Sprechstunde bis zum Umfallen – wenn der Arzt zum Patienten wird

Der medizinische Arbeitsalltag ist belastend, wie Umfragen zeigen: Jeder zweite Arzt fühlt sich körperlich und emotional erschöpft.1 Wie können Sie Ihre Patienten zufriedenstellend betreuen, ohne die eigene Gesundheit zu riskieren?

Viele Ärzte arbeiten seit Jahren an der Belastungsgrenze1 und die Probleme haben sich seit Beginn der Coronapandemie weiter verschärft.2 Der Marburger Bund Baden-Württemberg hat Anfang Oktober 2020 die Arbeitsbelastung von über 2.300 Klinikärzten erhoben.2 Rund zwei Drittel (64,7 %) der in Vollzeit tätigen befragten Ärzte arbeiteten mehr als 50 Stunden pro Woche und davon 18,5 % sogar mehr als 60 Stunden pro Woche. Der Baden-Württembergische Landesverband des Marburger Bundes sieht durch diese Verletzung des Arbeitsschutzgesetztes neben der Arztgesundheit auch das Patientenwohl in Gefahr.2

Ihre Gesundheit ist wichtig – üben Sie Resilienz

Erschöpfung im Arztberuf kann zahlreiche Gründe haben. Eine ihrer Hauptursachen ist Stress. Sie können jedoch Ihre Resilienz verbessern und Ihr Wohlbefinden steigern, indem Sie Stressbewältigungsstrategien erlernen. Prof. Ottmar L. Braun von der Universität Koblenz, der unter anderem zu den Themen positive Psychologie und mentale Stärke forscht, hat Tipps für die Steigerung der Resilienz entwickelt. Seine „sechs Schritte zu einem stressfreien Leben“ sind hier kurz zusammengefasst:1, 3

  1. Identifizieren Sie Ihre fünf wichtigsten Stärken mit Basis der positiven Psychologie. Ein Stärkentest kann dabei helfen. Solch einen Test bietet beispielsweise die Universität Zürich an.
  2. Führen Sie jeden Abend die „Was-ist-gut-gelaufen-Übung“ durch. Beantworten Sie dazu die zwei Fragen: Was ist heute gut gelaufen? Welche meiner Stärken haben dazu beigetragen, dass es gut gelaufen ist? Tragen Sie jeden Tag drei Beispiele in ein Erfolgstagebuch ein.
  3. Gehen Sie aufmerksam und achtsam durch die Welt: Erledigen Sie nicht mehrere Dinge gleichzeitig und konzentrieren Sie sich auf eine Sache. Multitasking funktioniert nämlich nicht. Setzen Sie sich Grenzen: Begrenzen Sie beispielsweise die Zahl der planbaren Patientenkontakte.
  4. Schlafen und essen Sie ausreichend und regelmäßig – auch im Praxisalltag.
  5. Achten Sie auf Ihren Körper und Ihre sozialen Kontakte: Machen Sie Sport und pflegen Sie Beziehungen und Freundschaften.
  6. Praktizieren Sie Dankbarkeit. Schreiben Sie einmal pro Woche auf, wofür Sie dankbar sind, auch Ihren Mitarbeitern gegenüber.

Positive Energie durch positive Betrachtungsweise

Viele Ihrer Kollegen ziehen positive Energie daraus, dass sie sich bewusst machen, dass ihr Beruf mit einem hohen Grad an Selbstwirksamkeit einhergeht:3 Sie erfahren die Effekte ihres Wirkens unmittelbar und erhalten direktes, meist positives, Feedback von Ihren Patienten. Machen Sie sich überdies klar, dass Ihr Arbeitsplatz gut abgesichert ist, da Ärzte im Gesundheitssystem stets gebraucht werden.3

Wenn der Arzt zum Arzt muss

Auch Ärzte können krank werden. Viele Mediziner neigen dann zur Selbstbehandlung und -medikation.4 Allerdings ist nicht jeder Arzt ein Experte auf jedem medizinischen Fachgebiet. Suchen auch Sie im Krankheitsfall deshalb einen Hausarzt auf. Auch wenn es Ihnen möglicherweise schwerfällt, sich selbst in die Patientenrolle zu begeben.4 Der Hausarzt, der auf einen Arzt als Patienten trifft, sollte diesen wie einen regulären Patienten behandeln – nicht als ärztlichen Kollegen mit besonderen Fachkenntnissen.4

Trotz Krankheit kaum Krankheitstage

Auch wenn Ärzte krank werden, nehmen sie kaum Krankheitstage in Anspruch.4 Häufig werden Beschwerden auch geleugnet oder bagatellisiert. Ärzte funktionieren lieber weiter.1, 4 Deshalb appellierte der Deutsche Ärztetag 2019 an erkrankte Ärzte, die Empfehlungen, die sie ihren Patienten geben, auch in Bezug auf ihre eigene Krankheit und Arbeit konsequent anzuwenden.5 Im Sinne einer Vorbildfunktion gelte dies insbesondere auch für leitende Ärzte.

Änderungen im System sind nötig

Der Deutsche Ärztetag 2019 forderte zudem, dass die Arztgesundheit in Zukunft noch stärker an Bedeutung gewinnen müsse – innerärztlich sowie in der Öffentlichkeit. Dafür seien Änderungen im System nötig:5 Bereits im Studium sollten die Themen Stressbewältigung und Resilienz behandelt werden. Arbeitgeber seien aufgefordert, verstärkt auf gesunde Arbeitsbedingungen und die Möglichkeit einer guten Work-Life-Balance zu achten. Und der Gesetzgeber sei aufgerufen, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen.5

Quellen:

  1. Kötter J. Arztgesundheit auf dem Ärztetag – Wenn der Arzt zum Patient wird. Der Hausarzt.digital (Mai 2019). Online verfügbar unter: https://www.hausarzt.digital/politik/selbstverwaltung/aerztekammern/wenn-der-arzt-zum-patient-wird-48027.html (abgerufen am 16.12.2020).
  2. Pressemitteilung – Umfrage zeigt: Arbeitsbelastung von Klinikärztinnen und -ärzten gefährdet Patientensicherheit. Marburger Bund Baden-Württemberg (Oktober 2020). Online verfügbar unter: https://www.marburger-bund.de/baden-wuerttemberg/pressemitteilung/umfrage-zeigt-arbeitsbelastung-von-klinikaerztinnen-und-aerzten (abgerufen am 15.12.2020).
  3. Sauer J., Weiss D. Burn-out und Depression. Hohe Belastung macht Ärzte weniger krank. Der Hausarzt.digital. (November 2019). Online verfügbar unter: https://www.hausarzt.digital/praxis/hohe-belastung-macht-aerzte-weniger-krank-46231.html (abgerufen am 16.12.2020).
  4. Schulz et al. Ärztegesundheit – eine Einführung anhand eines narrativen Reviews. Z Allg Med. 2014; 90 (6). Online verfügbar unter: https://www.online-zfa.de/fileadmin/user_upload/Heftarchiv/ZFA/article/2014/06/AD685D4D-FAD1-4226-91A6-7EBDEA2629A2/AD685D4DFAD1422691A67EBDEA2629A2_schulz_aerztegesundheit_1_original.pdf (abgerufen am 16.12.2020)).
  5. Deutsches Ärzteblatt. Deutscher Ärztetag. Arztgesundheit: Künftig nicht nur eine Floskel (Juni 2019). Online verfügbar unter: https://www.aerzteblatt.de/archiv/208223/Arztgesundheit-Kuenftig-nicht-nur-eine-Floskel (abgerufen am 16.12.2020).

 

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