Die wahren Todesursachen antikoagulierter Patient:innen: 2 Studien im Detail
Schlaganfälle und Blutungen sind nur selten die Todesursache antikoagulierter Patient:innen mit Vorhofflimmern. Doch woran sterben diese Patient:innen wirklich und welche Faktoren können die Mortalitätsrate beeinflussen? Erfahren Sie hier mehr über die Erkenntnisse zweier Studien, die sich mit diesem Thema beschäftigen.1, 2
Antonio Gomez-Outes et al. sowie Forscher:innen um Paulus Kirchhof konnten in Studien zeigen: Bei Patient:innen, die aufgrund von Vorhofflimmern (VHF) ein orales Antikoagulans einnehmen, ist fast jeder 2. Todesfall kardiovaskulären Ursprungs. Fast jeder 3. Todesfall kann auf eine nichtkardiovaskuläre Erkrankung zurückgeführt werden.1, 2
Metaanalyse von Gomez-Outes et al.: 134.046 Patient:innenjahre im Follow-up
Die quantitative Metaanalyse von Gomez-Outes et al., die im Jahr 2016 veröffentlicht wurde, basiert auf den Daten der folgenden 4 randomisierten Zulassungsstudien der direkten oralen Antikoagulanzien (DOACs) Dabigatran, Rivaroxaban, Apixaban und Edoxaban zur Schlaganfallprophylaxe bei VHF:1
- RE-LY3(Dabigatran)
- ROCKET AF4 (Rivaroxaban)
- ARISTOTLE5 (Apixaban)
- ENGAGE AF-TIMI 486 (Edoxaban)
Diese Arbeiten untersuchten die Wirksamkeit und Sicherheit der jeweiligen DOACs im Vergleich zu Warfarin.3-6 Während der Nachverfolgungsphase, die 134.046 Patient:innenjahren entspricht, verstarben 6.206 der 71.683 in die 4 Studien eingeschlossenen Patient:innen. Das entspricht einem Anteil von 9 % und einer angepassten jährlichen Rate von 4,72 % (95-%-Konfidenzintervall [KI]: 4,19–5,28) über alle Antikoagulanzien und Dosisregime hinweg.1 In allen Studien wurden die Todesursachen von einem unabhängigen Komitee verblindet beurteilt.1
Herztod am häufigsten
Gomez-Outes et al. zufolge waren in 64 % der Fälle vaskuläre Erkrankungen die Todesursache (siehe Abbildung 1).1 Allein 46 % aller Todesfälle konnten auf kardiale Ursachen, wie plötzlichen Herztod/Arhythmien (28 %), Herzinsuffizienz (15 %) und Myokardinfarkt (3 %), zurückgeführt werden. In etwa 30 % der Fälle trat der Tod aufgrund nichtvaskulärer Erkrankungen ein. Dazu zählten unter anderem maligne Erkrankungen (11 %), Infektionskrankheiten (9 %) und Atemwegserkrankungen (3 %). Ischämische Schlaganfälle/systemische Embolien und Blutungen waren in ungefähr 6 % der Fälle ursächlich für den Tod.1
Abbildung 1: Todesursachen bei Patient:innen mit Vorhofflimmern unter Antikoagulationstherapie (modifiziert nach Gómez-Outes A et al. J Am Coll Cardiol 2016).1
DOACs versus Warfarin: signifikant reduzierte Mortalität
Die jährliche Gesamtmortalitätsrate der Patient:innen, die DOACs einnahmen, lag laut den Studiendaten bei 4,46 % (95-%-KI: 3,85–5,12). Dabei zeigte sich auch eine Überlegenheit von DOACs gegenüber Warfarin (4,46 vs. 4,87 %/Jahr, 95-%-KI: 4,15–5,64, Risk Ratio [RR]: 0,90; 95-%-KI: 0,86–0,95; p < 0,0001). Diese war laut den Autor:innen maßgeblich durch eine Halbierung des Risikos tödlicher Blutungen bedingt (RR: 0,49, 95-%-KI: 0,40–0,61; p < 0,00001).1
Kirchhof et al. bestätigen Ergebnisse der Metaanalyse
Die aktuelle Studie von Kirchhof et al. kommt zu ähnlichen Ergebnissen.2 Die Forscher:innen untersuchten anhand der Daten aus den Studienprogrammen XANTUS, XANTUS-EL und XANAP, wie Patient:innen, die mit dem DOAC Rivaroxaban antikoaguliert waren, verstarben. Sie analysierten dazu die Daten von insgesamt mehr als 11.000 VHF-Patient:innen aus 47 Ländern. Die Auswertung ergab, dass nach einer mittleren Studiendauer von 366 Tagen 98,3 % der Patient:innen noch am Leben waren. Von den 1,7 %, die nicht mehr lebten, waren 52,4 % an kardiovaskulären Ereignissen, 36,4 % an nichtkardiovaskulären Ursachen und 11,2 % aus unbekannten Gründen verstorben. Bei den kardiovaskulären Ereignissen, die zum Tod führten, handelte es sich am häufigsten um Herzinsuffizienz (20,3 %) und plötzlichen Herztod (12,8 %). Schlaganfall oder Myokardinfarkt (jeweils 4,3 %) waren dabei weniger häufige Todesursachen. Nichtkardiovaskuläre Todesursachen waren Krebs (13,9 %) und Infektionskrankheiten (12,8 %).2 Die Todesursache war also bei der Mehrheit der verstorbenen Patient:innen kardiovaskulärer Art.
Die Studie deutet zudem darauf hin, dass auch bestimmte Risikofaktoren das Mortalitätsrisiko bei antikoagulierten VHF-Patient:innen erhöhen können:2
- Alter: höheres Durchschnittsalter der Verstorbenen (76,7 vs. 70,4 Jahre, RR: 1,35, 95-%-KI: 1,23–1,47).
- Diabetes: 30,5 % bei Verstorbenen vs. 22,2 % bei Überlebenden (RR: 1,44, 95-%-KI: 1,05–1,99).
- Herzinsuffizienz: 40,6 % bei Verstorbenen vs. 21,0 % bei Überlebenden (RR: 1,45 95-%-KI: 1,03–2,06)
- Anämie oder ein erniedrigter Hämoglobinwert: 12,8 % bei Verstorbenen vs. 3,2 % bei Überlebenden (RR: 2,61, 95-%-KI: 1,67–4,08).
Vor diesem Hintergrund sollten sowohl die Behandlung relevanter Begleiterkrankungen als auch eine Lebensstilanpassung in eine Antikoagulationstherapie miteinbezogen werden, um das Mortalitätsrisiko von VHF-Patient:innen zu senken.
Quellen:
- Gomez-Outes A et al. Causes of Death in Anticoagulated Patients With Atrial Fibrillation. J Am Coll Cardiol 2016;68:2508–2521.
- Kirchhof P et al. Causes of death in patients with atrial fibrillation anticoagulated with rivaroxaban: a pooled analysis of XANTUS. Europace 2024;26.
- Connolly SJ et al. Dabigatran versus warfarin in patients with atrial fibrillation. N Engl J Med 2009;361:1139–1151.
- Patel MR et al. Rivaroxaban versus warfarin in nonvalvular atrial fibrillation. N Engl J Med 2011;365:883–891.
- Lopes RD et al. Apixaban for reduction in stroke and other ThromboemboLic events in atrial fibrillation (ARISTOTLE) trial: design and rationale. Am Heart J 2010;159:331–339.
- Giugliano RP et al. Edoxaban versus warfarin in patients with atrial fibrillation. N Engl J Med 2013;369:2093–2104.





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